Sie befinden sich hier: Flut-/Katastrophenhilfe Deutschland/Berichte      

Seite 02

 

Archiv-Berichte vom: 05.02.2005

25.01.05

 

 

Lagebericht aus Tangalle, Süd-Sri-Lanka
Stand : 25.01.2005

Das Wasser aus den Government-Pipes läuft wieder, die Elektrizität reicht hin und wieder nicht aus, um diesen Bericht per Email oder sonstige Computer gestützte Systeme zu schicken. Daher per Hand und per Fax.

Seit ca. 3 Wochen ist die Hauptstrasse entlang der Küste von Colombo in den Süden

Sri Lankas wieder befahrbar. Es regnet nicht mehr so viel, die Sonne scheint wieder, die Seebrise bläst. Das Wetter im Januar 2005 hat sich seit dem 26.12.2004 geändert. Die See ist ungewöhnlich hoch und viel zu rau für diese Jahreszeit.

Auf den kleineren, meist ungeteerten Nebenstrecken kommt man inzwischen wieder an die entlegeneren Küstenabschnitte zwischen Dondra Head, dem südlichsten Punkt von Sri Lanka, und Hambantota, dem grauenhaftesten Anblick von Tod und Zerstörung hier im Süden von Sri Lanka nach der „Ti-sumani Wave“ – wie die Englisch sprechenden Lehrer den Englisch lernenden Schülern, die kein scharfes s, z oder schon gar nicht Ts auszusprechen in der Lage sind, beizubringen versuchen.

Denn kein Ceylonese, weder buddistischer Sringhalese, Hindu-Tamile, noch Muslim oder Christ, weder Städter noch Bauer, Beamter oder Fischer, Lehrer oder Schüler kannte vor dem 26.12.2004 das Wort, die Bezeichnung noch die Bedeutung von der „Hafenwelle“.

Jetzt ist es in aller Munde – und wird Sri Lanka verändern. Zu mindestens für eine Weile.

Tsunami ist täglich in den Medien: keine Zeitung, kein Fernsehen ohne Tsunami-Berichte. Tsunami auch aus den Mündern der Ärmsten der Armen ( schon vor der Welle-Armen) – meistens betroffene Fischer, Frauen und Kinder, die ausschließlich ihr Leben retten konnten, sonst nichts. Die in Rufugee-Camps (anfangs in Schulen, vom 24.12.2004 bis 10.01.2005 waren zum Glück Schulferien! – oder Tempelanlagen, jetzt mehr und mehr in Zeltlagern oder bei Verwandten ) untergebracht wurden und ohne große Perspektiven vor sich hin leben.

In Hambantota sind Tausende – meist Moslems – von der Welle auf dem wöchentlichen Sunday-Fair (Markt) überrascht und chancenlos in die dahinterliegenden Lagunen gespült worden. Noch heute werden dort Leichen oder Leichenteile gefunden und geborgen.

Ein ganzes Stadtviertel – mehr als die Hälfte Hambantotas (ca. 1 km lang und mehrere hundert Meter breit), die Stadt mit der größten Muslimpopulation in Sri Lanka – ist verschwunden, ausradiert in Sekunden. Fischereianlagen, wie Mole, Markthalle, Boots- und Catamaranstrände, sind schwerst beschädigt bis total „platt“ gewälzt. Noch heute, 3 Wochen nach der Katastrophe und nach den abgeschlossenen Aufräumarbeiten stockt einem bei Anblick dieser „Wüste“ der Atem, das Auge will nicht glauben, was es sieht.

Mein Hirn lässt seit diesen Tagen – auch andere Teile der Küste , Pannadura, Beruwela, Ambolangoda, Hikkaduwa!!, Galle!, Dickwella, Nilwella, Kudawella, Tangalle etc. , sind ähnlich verwüstet – nichts anderes zu als sich ständig vorzustellen, was sich hier entlang der Küste am 26.12.2004 kurz nach 9.00 Uhr morgens abgespielt haben muss.

Bis heute bin ich nicht in der Lage zu begreifen, warum hier die See z.B. die Jahrhunderte alten Sanddünen über mehrere Hunderte von Metern aufgebrochen, und das Hinterland zum Teil kilometerweit mit seinen Menschen, Häusern, Bäumen, Lagunen etc. gnadenlos zerstört hat  - und dort nicht.

Nur Tiere, auch Haustiere, allenfalls angebundene oder gekettete, sind weder verletzt noch umgekommen. Sie haben aufmerksamer auf das reagiert, was sie beim Herannahen der Monsterwelle (hier Killing Tidal Wave genannt) gespürt haben und sind geflohen.

Auch sämtliche Wildtiere im nahe gelegenen Küsten-Wildlife-Park Yala sind rechtzeitig auf und davon!

Nur die Menschen, ob Einheimische oder Ausländer, haben die Vorzeichen nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern sie sind teilweise der tödlichen Welle entgegen gelaufen, in dem sie die sich weitenden Strände durch die zurück weichende See  neugierig erwanderten.

Seit 3 Wochen verteilen wir – meine Dame, einige unserer Ressort-Angestellten, Fahrer und Übersetzer, lokale Koordinatoren und ich - vor Ort Hilfsgüter einer privaten deutsch/srilankan Relief-Tsunami-Aidorganisation (mit Transporthilfe von LTU und einigen Flugkapitänen) persönlich an Direktbetroffene in der Küstenregion und im küstennahen Inland, wo Überlebende von Familienangehörigen aufgenommen wurden. Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier untereinander ist riesig. Sie geben, was sie können. Allerdings klauen sie auch, was sie können – aus den verwüsteten Häusern und Hotelanlagen, selbst aus den zerbeulten und weggeschwemmten Autos und auf Fels und Strand „angelandeten“ Fischtrawlern.

Die Lebensbedingungen in den Camps, Zelten und Häusern der Verwandten sind in der Regel äußerst ärmlich bis erbärmlich. Es gibt meistens nichts was die Beschreibung Hausrat oder Haushalt verdient. Nackte Böden und Wände, schlichteste Dächer.

Wasser (auch Trinkwasser), Nahrung, Kleidung, medizinische Grundversorgung ist durch private Nachbarschaftshilfe, private Sammlungen und Footbags (Essen in Beuteln und Tüten) von Einheimischen und Ausländern sind inzwischen in den meisten Fällen sichergestellt.

Ausländische und einheimische Nogs, seit kurzem auch größere Aid-Organisationen (wie Unicef etc.) und Sri Lanka Behörden, sind an den Hilfs-Zentral-Stätten eingetroffen.

Wer aber nicht das „Glück“ hat, dort in der Nähe zu „wohnen“ muss selber zusehen, wie er/sie zurecht kommt. Und das sind Hunderte allein zwischen Dickwella und Ambalantota, der Küstenabschnitt von ca. 30-40 km, den wir „beackern“.

Die I. Phase der Direkthilfe (Wasser, Nahrung, Kleidung, Medikamente etc.) ist bis auf wenige Ausnahmen mehr oder weniger abgeschlossen. Der II. Teil (Planung und Durchführung von Wiederaufbau, Hilfe zur Selbsthilfe – wie Küchengeräte ( Teller, Töpfe, Pfannen, Bestecke, Becher, Gaskocher, Gasflaschen), Hausutensilien( Matten, Betten, Matratzen, Möbel), Schulzubehör ( Hefte, Stifte, Bücher, Bänke, Tische, Schuluniformen, Schuhe, Lehrmaterialien), Arbeitsplätze ( z.B. für Bau von Katamaranen und Fischerboote) und intensivere medizinische Betreuung läuft an.

In Tangalle haben die Russen eine gigantische mobile Zelt-Klinik mit Operationssaal etc. auf dem hiesigen „Play-Ground“ gesetzt, dort wo vor dem Tsunami Markt, Sport, politische und ähnliche Großkundgebungen (Wahl! . der jetzige Premierminister Mahinda Rajapaksa ist aus Tangalle und wohnt keine 100 Meter entfernt!), Open-Air-Popkonzerte etc. stattgefunden haben.

In Hambantota entsteht mitten in der von Bulldozern „geplätteten“ Ziegel und Ziegelsteine rötlich gefärbten „Wüste“ neben einer nur leicht beschädigten Moschee ein riesiges Zeltdorf (u.a.Unicef) Trinkwassertankwagen der Armee, der Navy, der Polizei und anderen Governmenteinheiten sind täglich auf den Straßen unterwegs und füllen sämtliche Behältnisse, die am Straßenrand bereit gestellt werden, auf. Kleinlaster mit Essen versorgen unregelmäßig die Bevölkerung nahe den Straßen und befahrbaren Wegen.

Trümmer, Schutt, Bäume (es sterben sämtliche Laubbäume – auch jahrhundert Jahre alte, von den Portugiesen, Holländern und Engländern gepflanzte), die mit Meerwasser in „Berührung“ gekommen sind, Schiffwracks etc. sind beseitigt, Leichen beerdigt oder in die jeweiligen Länder geschickt (Ausnahmen wie Rebecca – die kürzlich aus der Lagune hinter Medilla/Tangalle gezogen wurde) – aber was geschieht mit den Hunderten Tsunami-Geschädigten die in und auf den Resten ihrer Häuser oder Hütten verweilen ?

In den „Chefetagen“ der Nogs (z.B. Navajeevana), Kommunalbehörden (z.B. Disaster-Management), Chamber of Commerce, Coast Contervation Devision, Tourist Board, Fisheries Dep., Urban und Pural Dev., Parlament, political parties etc. wird jetzt viel geredet, geplant, gestritten, verworfen. Kein Masterplan weit und breit. Chaos wohin man kommt und Inkompetenz bei allen Offiziellen, die man trifft.

Streit und Gerangel um Kompetenzen und Gelder.

Die ausländischen Gelder für Tsunami-Geschädigte liegen – scheint´s – massenhaft bereit.

Nur wie, wann und an wen scheint die Frage der Stunden, denn bis zur Entscheidung- und Durchführungsklärung (Logistik!!) braucht es hier seine Zeit – srilankan Zeit !

Privat finanzierte Projekte und vor Ort direkt eingesetzte wie Hausbau (2-3 Zimmer, Küche, Toilette), Hausreparaturen (Küchen!, Toiletten, Dächer etc.), kleine „Werften“ zum Bau von kleineren Fischermotorbooten und vor allem Katamaranen aus Fiberglas, Wiederherstellung von „Boutiquen“= kleinen Verkaufsläden = Kioske, von Primary-Schulen plus Inventar, Unterstützung und Hilfe zum Leben, scheinen mir das Gebot der jetzigen Stunde(n).

Die III. Phase der Wiederherstellung und Verlegung von ganzen Häusern-Units und Dörfern vom Ozean ins Inland, der Wiederaufbau von Klein-, Mittel- und Großindustrie und Ökonomie liegt eh sehr schwer in Regierungshand. Und Regierungs- und ihnen verpflichtete Hände sind groß. Sie ähneln eher Fischhäuten oder Netze, in denen in den Vortsunami-Zeiten allzu viel hängen blieb.

Kurz: Die „einfachen“ von Tsunami-Geschädigten brauchen immer noch tägliche Hilfe, vor allen Hilfe zur Selbsthilfe. Sie wollen nicht abhängig sein und bleiben von – wenn auch in den meisten Fällen gut gemeinter – Hilfe fern, sondern wollen baldige Unterstützung, um ihr normales einfaches Leben von vor dem Tsunami vom 26.12.2004 wieder aufzunehmen.

Herzlichst von Sri Lanka

M. M.

 

Rechtlicher Hinweis: Kopieren sowie das Verwenden, auch auszugsweise, von Inhalten bedarf der schriftlichen Zustimmung von Sall®